Die erste Begegnung mit der Schnullerfee

5. Januar 2018, 22:46 Uhr. Die Schnullerfee war da. Ich bin im Grunde fertig mit der Welt, allerdings muss ich meine Gefühle jetzt noch schnell aufschreiben, denn sonst laufe ich Gefahr, verrückt zu werden. Ich fühle mich leer, empfinde große Schuld und mich plagt mein unfassbar schlechtes Gewissen. Fast bereue ich meinen Entschluss, als ich deine dicken Kullertränen wegwische, das verzweifelte Schreien den Raum, ach was sag ich, das ganze Haus einnimmt und die nackte Angst in deinen Augen dein kleines Bewusstsein erlangt.

Du weinst, du schreist, du bist außer dir vor Wut und Trauer. Den Besuch der Schnullerfee hast du dir sicher anders vorgestellt. Für mich als Mama heißt es jetzt, Hartnäckigkeit zeigen, dabei Mitgefühl ausstrahlen und viele Schmuseeinheiten anbieten. Aber beginnen wir mal von vorn…

Schnullerfee

Vor knapp zwei Wochen erhielten wir die erste Nachricht der Schnullerfee. Sie überraschte uns nach einem langen Spaziergang und ausgiebiger Erkundungstour im Viertel mit einem Stofftier inklusiv persönlicher Nachricht für Mademoiselle Mucki.

Diese strahlte, als sie das Monster sah und empfand die Schnullerfee wie soll ich es am Besten umschreiben, ich versuche mal mit: Cousine des Christkinds.

Die Schnullerfee hatte ein wunderschönes Monster mitgebracht, das fortan in ihrem Bett schlafen durfte und ihr als Ersatz dienen sollte. Wie sehr die Augen funkelten und wie stolz sie war, dass Schnullerfee ihre Vorlieben für Monster und gespenstische Wesen verstand.

Es folgte der Besuch des Nikolaus, das Christkind stand vor der Tür, der Jahreswechsel fand statt und ich habe begonnen, ihr jeden Tag akribisch von der Schnullerfee und ihrer ganz besonderen Mission zu erzählen.

Mucki zeigte Mitgefühl, ich glaube sogar, sie hat verstanden, dass wir hier von einer guten Fee ausgehen durften. Der Grundstein war gelegt:

Schnullerfee kennenlernen und sie als sympathisch einstufen.

Alles auf Anfang

Brief an Schnullerfee

Sie freut sich, wir malen, schneiden, kleben Sticker und ich schreibe mit ihr zusammen in Großbuchstaben:

LIEBE SCHNULLERFEE

Ich lasse sie malen wonach ihr der Sinn steht und sie erklärt mir, was genau sie der unbekannten Gestalt mitteilen möchte. Sie kritzelt eine zickzack Linie und weist darauf hin, es sei eine Schlange. Es kommt eine zweite gezackte Linie in einer anderen Farbe hinzu. Noch eine Schlange.

Dann malt sie einen roten, großen Kreis. „Das ist der Schnuller, den die Fee mitnehmen darf. Von mir für die anderen Babys“, sagte sie. Sie ist tapfer, spielt die Große und sammelt mit Begeisterung alle Schnuller in der Wohnung ein und lässt sie in die eigens ausgesuchte Box plumpsen.

Wir zählen nochmal durch, neun Schnuller finden tatsächlich ihren Platz in der Box und sie holt stolz den Brief vom Morgen und legt ihn mit hinein. Fertig. Nun steht sie auf, legt die Box vor ihr Bett und ist bereit für ihr Playdate. Wir verlassen die Wohnung und der Didi ist den ganzen Tag kein Thema mehr. Schritt Zwei wäre geschafft:

Alle nötigen Vorkehrungen sind getroffen. Die Schnullerfee ergreift ihre Chance.

Wir kommen am späten Abend Heim und Mucki ist so müde, dass sie uns glatt im Auto eingeschlafen ist. Alles läuft nach Plan. Ich werde sie wie gewohnt einfach schnell hoch ins Bett tragen, ihr eine Milch in die Hand drücken und hoffen, dass sie sich zufrieden umdreht und weiterschläft.

Pustekuchen

Sie bemerkt natürlich, dass ihr der Schnuller fehlt und verlangt prompt danach. Ich gehe zurück in ihr Zimmer und erkläre ihr, dass die Schnullerfee ihren Brief und die Schnuller mitgenommen hat. Wenn sie allerdings tapfer bleibt, zeigt sich die Fee erkenntlich und bringt ihr am nächsten Morgen ein tolles Geschenk.

Schnullerfee

Nun dürfen viele neue Babys deine Schnuller tragen und ich bin so stolz auf dich.

Die Nummer zieht natürlich nicht und sie beginnt zu weinen. Immer wieder fragt sie nach dem Schnuller und ich erkläre ihr mehrfach die Situation. Leider ohne Erfolg, sie ist außer Sich vor Wut, schlägt um sich, schreit und weint bitterlich. Mein Herz blutet. Es ist hart für mich sie so zu erleben und ich spüre die unendliche Verzweiflung, die jetzt auch auf mich überschwappt.

Ernüchterung und grenzenlose Erschöpfung haben schlussendlich am ersten Abend gesiegt. Die große Erkenntnis und Akzeptanz über den Ist-Zustand haben wir mit Sicherheit noch nicht erreicht, allerdings gestalten sich die Abläufe bei Tag ohne „Didi“ ziemlich gut. Ich bin also weiterhin optimistisch, bleibt mir doch auch gar nichts anderes mehr übrig.

Der Morgen danach war durchweg positiv, sie wacht gut gelaunt auf, hat durchgeschlafen und in mir keimt Hoffnung auf. Ich war erleichtert, sie so glücklich zu sehen und das Auspacken wurde groß zelebriert.

Schnullerfee

Der Tag verlief blendend. Sie erstaunte mich, doch nach dem Abendbrot ging das Gezeter wieder los. Leider hat sich das gleiche Drama vom Vorabend noch einmal wiederholt. Nach vier Stunden Kampf, hat sie in meinen Armen aufgegeben. Wir waren beide sehr erschöpft und ich ließ im Kopf noch einmal den Ablauf revue passieren.

Die große Erkenntnis

20:10 Uhr Kontaktaufnahme erwünscht
Wo ist die Schnullerfee? Ich muss mit ihr reden! Mucki versucht es auf die nette Tour.

21:30 Uhr Protest!
Windel und Schlafanzug zwei Mal ausgezogen und alles inkl. Bettwäsche aus dem Bett geworfen.

21:45 Uhr Schreianfälle
Die Verzweiflung steigt, sie sucht Zuflucht und verlangt, dass ich zu ihr ins Zimmer komme.

21:50 Uhr Angstanfälle
Mama, komm bitte, da ist Jemand. Natürlich reagiere ich und sie beschreibt mir die Tatsache, dass sie hinterm Vorhang  etwas gesehen hat, dass ihr Angst macht.

22:00 Uhr Umpriorisierung
Ich gebe meinen TV-Abend auf und lege mich zu ihr ins 70×140 Gitterbett. Sie kuschelt sich an mich und ich spüre ihre Erleichterung. Mama mit ins Bett, schön. Sie liegt minutenlang wie ein Säugling auf meinem Bauch und genießt die Nähe.

In der Ruhe liegt die Kraft

Ich bleibe völlig ruhig, kann ihr nicht böse sein und verstehe, dass der Verlust hart sein muss. Sie versucht mit allen Mitteln wach zu bleiben, was mich zugegebenermaßen ärgert, doch ich versuche ihr einfach eine gute Mutter zu sein und bin für sie da.
Die Angst vor dem allein sein, Angst vorm Schlafengehen ohne Schnuller ist greifbar, ich streichle ihr Haar und ihr Atem wird ruhiger.

Auffällig in der ganzen Zeit, sie verlangt bis zu drei mal mehr „Milli“, was bei uns für eine Flasche Milch steht, als früher. Ob der Sauger ihr als Ersatz dient? Ich vermute ja.

Nachdem ich signalisiere, dass ich kurz weg wäre um ihr die Milch zu machen, ist der Moment der Stille bereits rum ums Eck und sie bäumt sich wieder auf, beginnt zu weinen, redet von Angst und möchte das Zimmer mit mir gemeinsam verlassen. Ich atme tief durch, lasse mir meine langsam aufkommene Genervtheit nicht anmerken und nehme sie mit in unsere Küche.

Und dann das…

Kaum aus dem Zimmer, beginnt sie zu lachen, strahlt und versucht allen Ernstes den Fernseher anzumachen. Boom. Da ist sie geplatzt meine „Bombe der Geduld“. Ich verliere nach 2.5 Stunden die Nerven und schreie sie an. Natürlich ist ihr Nervenkostüm genauso dünn gestrickt und sie beginnt sofort das Weinen an.

Ich hasse mich für mein Benehmen.

Nicht ausreichend Geduld zu haben, ist wirklich Gift für unsere Beziehung. Sofort entschuldige ich mich bei ihr und wir liegen uns beide weinend in den Armen. Sie kann nichts dafür, sagt mir meine innere Stimme. Wir beruhigen uns beide schnell und versuchen mit der Milli gemeinsam wieder zu unserem Ruhepuls zu finden.

Ich schlage ihr vor, ins Schlafzimmer zu gehen. Sie darf gern in unserem Bett mit Mama kuscheln und solange bleiben, bis sie eingeschlafen ist. Kaum war die Milli wieder leer, ging der Kampf weiter. Sie versucht mir ein Gespräch aufzudrücken, setzt sich auf mein Gesicht, singt und bleibt einfach nicht ruhig liegen.

Touche!

Ich bin verzweifelt und tue, was ich sonst nie getan hatte. Ich rufe den Papa an und bitte ihn Heim zu kommen. Leider ist der Abend mit den Jungs für ihn erstmal vorbei. Ich brauche seine Unterstützung.

Hilfe muss her

22:50 Uhr Das Schloß klickt
Mucki springt auf und ruft sofort nach ihrem Papa. Er ist natürlich etwas genervt, lässt sich allerdings nichts anmerken. Mucki versucht auch mit ihm in ein Gespräch zu kommen, in der Hoffnung so ihrer ganz persönlichen Insomnia zu entkommen. So lagen wir nun an diesem Samstag Abend alle gemeinsam im Bett und versuchten als Eltern, den Protest einer Zweijährigen zu verstehen und für sie da zu sein.

23:10 Uhr Wohlgesonnen
Es dauerte keine 20 Minuten, da war sie eingeschlafen. Vermutlich weil Mama und Papa in der Kombi ausreichend Sicherheit geboten hatten und sie sich ihrem Schicksal so besser stellen konnte. Wenn ich darüber nachdenke, ist es wirklich Wahnsinn, welchen Einfluss so ein kleines Wesen auf die eigenen Eltern hat. Will man doch immer nur das Beste für den eigenen Spross.
Schnullerfee
0:01 Uhr Hart im Nehmen
Papa wieder auf Piste und ich völlig fertig.

Tipps und Tricks aus meiner aktuellen Erfahrung heraus

Mir war klar, dass es nicht leicht wird. Ich habe Mucki ca 3 Wochen im Vorfeld schon sanft darauf vorbereitet, dass es die Schnullerfee gibt und sie bei Zeiten die Schnuller der großen Kinder einsammelt, um sie den neugeborenen Babys zur Verfügung zu stellen.

Mucki zeigt sich einsichtig und ich lasse ihr im Namen der Schnullerfee ohne jegliche Ankündigung ein Geschenk und eine Mitteilung zukommen. Auf einmal saß dieses süße Monster neben ihrem Bett und sie war happy. Das Zeichen oder viel mehr den Startschuss in eine sanfte Entwöhnung des Schnullers ist gefallen.

Immer wieder habe ich das Thema angesprochen, ihr gezeigt, dass sogar schon ihre Freunde keinen Schnuller mehr tragen und es doch toll wäre, wenn wir der Schnullerfee einen Brief schreiben und sie bitten, uns auch besuchen zu kommen. Sie stimmt zu und wir verfassen gemeinsam das besagte Schriftstück.

Den weiteren Verlauf kennt ihr ja und ich muss sagen, es ist in unserem Fall härter als gedacht. Ich rate dringend dazu, es nicht zu unterschätzen und dem Kind so nah wie möglich zu sein. Ich empfand unsere Maus als sehr zerbrechlich, verletzlich und sie hat den Trost von Mama UND Papa gebraucht, um einen Moment der Ruhe zu finden.

So machen es die Anderen

Eine liebe Bekannte erzählte mir ihre Version, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Sie begann, ihrer Tochter jeden Tag eine Scheibe vom Schnuller abzuschneiden, sodass das Kind nach einigen Tagen allein zur Mutter zurückkehrte und den Schnuller freiwillig aufgab.

Mama, schmeckt nicht mehr.

Auch diese Art der Entwöhnung ist hilfreich und ich finde es schön, dass das Kind selbst eingesehen hat, dass es Zeit wird.

Ich bin mir nicht sicher, wie viele Nächte wir noch kämpfen werden, doch hoffe ich, das Mucki sich beruhigt und versteht, dass Mama und Papa auf sie Acht geben, sie sich nicht fürchten muss und das Leben auch ohne Didi weitergeht.