Weihnachten mal anders

Das Weihnachtsfest spielt sich in der Regel in allen Familien gleich ab. Der Innercicrle rückt an Weihnachten näher zusammen, es wird ausgiebig gespeist, manche gehen zur Messe, andere machen es sich während der Beschehrung auf dem Sofa gemütlich und genießen die Zeit mit den Liebsten.

Alles schön und gut, allerdings habe ich mich in diesem Jahr verstärkt gefragt, wie wohl die Feiertage für Muslime in Deutschland sein müssen. Was macht ein Kind an diesen Tagen? Welches Programm bieten die Eltern? Gibt es trotzdem Ausnahmen und wenn ja, wie sehen diese aus?

Ich möchte wissen, wie sieht der Alltag einer muslimischen Familie aus, wenn das Umfeld ein Fest feiert, das in der eigenen Religion nicht existiert. Um euch dahingehend einen realistischen Blick auf das Leben als Muslime in unserer Weihnachtszeit zu geben, habe ich mir eine Gastautorin ins Boot geholt.

Einige kennen sie bereits unter ihrem Instagram Usernamen: momofdoublemm. Im wahren Leben heißt sie Melisa Srebric, ist Zweifachmama und lebt mit ihrem Mann und den Kids in Düsseldorf. Wie sie Weihnachten empfindet, ob sie mit den Kindern über den Weihnachtsmarkt schlendert und welche Erfahrungen sie mit dem Fest verbindet, schildert sie euch im nachstehenden Blogbeitrag.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. Wenn ihr auch Lust habt, euch dazu zu äußern, feel free. Melisa beantwortet eure Fragen ganz offen und ehrlich und nimmt euch mit in wie sie selbst sagt, „eine andere Welt“.

Weihnachten als Kind

Wenn ich an Weihnachten denke, dann denke ich heute an: Feiertage, Zeit für meine Familie, schöne Filme und Gemütlichkeit. Damals, als ich noch ein Kind war, da war das anders. Da war Weihnachten der blanke Horror. Warum, fragt ihr euch?

Nun, als Muslime feiert man eben kein Weihnachten. Alle meine Freunde waren aber keine Muslime und sie hatten natürlich während der Festlichkeiten eine Menge vor. Das wurde mir schon Wochen im Voraus erzählt:

  1. Adventskalender basteln
  2. Erste Kerze, zweite Kerze, usw.
  3. Diverse Geschichten im Schulunterricht
  4. Der Tannenbaum im Foyer und die ganzen leuchtenden Fenster und Balkone in unserer Straße
  5. Der Weihnachtsmarkt

Man konnte Weihnachten gar nicht übersehen und ich war diesem Trubel Jahr für Jahr hilflos ausgesetzt. Der Weihnachtsmarkt war damals und ist bis heute ein Highlight, dass ich nicht missen möchte. Auch wenn ich Muslima bin.

Meine Freunde vs. Ich bei meinen Eltern zuhause

Meine Freunde hatten damals sowieso kein Handy aber sie waren trotz Festnetzanschluss nicht erreichbar. Sie waren mit der Familie weg oder bekamen Besuch, sie hatten drei volle Tage Spaß und feierten tolle Erlebnisse.

Zur selben Zeit, bei meinen Eltern Zuhause, sah das Ganze etwas anders aus.

Poliertuch, Spüli und eine verdammt alte Vitrine mit Unmengen an Gläsern, „die wir doch mal spülen können Kind“, so sagte es mir meine Mutter immer. In der Röhre liefen zwar so viele tolle Filme, aber das war auf Dauer so öde, dass ich doch viel lieber mit meinen Freundinnen gespielt hätte.

Als Kind habe ich lange Jahre nicht richtig verstanden oder besser gesagt nachempfinden können, warum ich denn nicht auch einfach Weihnachten mit meinen Freunden feiern kann. Alle machten es, wieso machen wir es nicht? Ich verstand oft die Welt nicht mehr und war ziemlich enttäuscht deshalb.

Die Geschenke waren mir egal, davon gab es unterjährig auch für mich genügend und ich konnte mich wirklich nicht beschweren. Aber diese Atmosphäre, der ich in der Schule und gegenüber meinen Freunden permanent ausgesetzt war, trübte mein Gemüt. Meine Mutter bemerkte meine schlechte Laune und begab sich auf Augenhöhe zu mir hinunter. Ihre Worte vergesse ich dabei nie:

„Wir sind Muslime, wir haben andere Feiertage. Wir haben das Zuckerfest, das ist so ähnlich wie Weihnachten.“

„Okay, bekommen wir dann auch einen Weihnachtsbaum?“

Sie schüttelte den Kopf. Es gehört nicht zu uns, war das Einzige was ich hörte. Und für mich und meinen Bruder war das irgendwie in Ordnung, denn wir waren eben einfach anders.

Weihnachten

Quelle Pixabay

Weihnachtsmarkt: Ja, nein, vielleicht!

Ach, der Weihnachtsmarkt. Also das ist etwas, da kann ich mich nicht von trennen. Es gehört zu meinem Leben in Deutschland dazu, es ist offen für alle und ich liebe es einfach.

Die gebrannten Mandeln, die mit Schokolade überzogenen Bananen, die leckeren Erdbeeren und bitte auch die Zuckerwatte. Die kleinen charakteristischen Stände mit ihren Handpuppen, Tüchern, Porzellanfiguren und etlichen anderen besonderen Kleinigkeiten. Wenn ich wieder darüber nachdenke, werde ich wehmütig, würde mir gern Kind und Kegel schnappen und meine Familie zu diesem Zauber einladen.

Aktuell sind unsere Zwerge noch zu klein für den engen Weihnachtsmarkt. Wir fahren nämlich einen LKW ähnlichen Geschwisterwagen, da meide ich es noch im dichten Gedränge herumzuspazieren. Aber es ist etwas, was ich gerne meinen Kindern zeigen möchte, so wie es meine Eltern uns gezeigt haben.

Es ist doch wirklich etwas schönes über den Weihnachtsmarkt zu schlendern und die Köstlichkeiten zu verspeisen. Ich genieße so heimlich die vorweihnachtliche Zeit, und lassen den gemütlichen Flair mit all den Lichtern, der kalten Luft auf den roten Wangen und dem warmen Lächeln der Menschen auf mich wirken.

Das Adventssingen in unserem Wohnhaus

Wie bereits erwähnt, bin ich heute Mutter zweier für mich wundervoller Kinder, ich habe einen liebevollen Mann und wir stehen kurz vor Weihnachten. Tatsächlich leben wir in einem sehr traditionellen Wohnhaus. Am 17.12. findet hier das Adventssingen statt.

Letztes Jahr, als wir hier eingezogen sind, nahmen wir noch daran teil. Dieses Jahr möchten wir das lieber vermeiden, denn unser Großer merkt sich vieles und ist wie ein Schwamm, der alles aufsaugt. Wir möchten ihm die Enttschäuschung ersparen.

Die Nachbarn haben uns freudig gefragt, ob wir denn auch dieses Jahr daran teilnehmen würden und wir haben ihnen höflich mitgeteilt, dass wir nicht Zuhause sein werden. Aus Respekt vor ihrem Glauben, wollten wir uns nicht richtig dazu äußern und eine Erklärung abzugeben, warum es im Islam nicht erlaubt ist, an anderen Feierlichkeiten teilzunehmen, erschien uns etwas zu kompliziert.

Es ist strikt, aber es ist in Ordnung für uns. Wir lieben unsere Religion und handeln aus tiefster Überzeugung. Dennoch haben wir für die Veranstaltung Kuchen und Gebäck geplant, damit sie sehen, dass wir es respektieren. Eine Geste für ein besseres miteinander, das ist uns wichtig. Meine Kinder sollen so wenig Ausgrenzung wie möglich aufgrund ihrer Religion erfahren. Ich möchte ihnen das Leben in Deutschland trotz muslimischer Glaubensorientierung so schön wie möglich gestalten.

Weihnachten

Quelle Pixabay

Wenn uns unsere Kinder fragen: Warum?

„Wir nehmen nicht daran teil, denn wir sind anders.“

Die Worte meiner Mutter dienen auch meinen eigenen Kindern als Leitsatz. Weihnachten ist etwas, was wir ihnen also erklären werden, erklären müssen und obwohl wir hier leben, müssen sie lernen, dass sie nicht an diesem Fest teilnehmen können. Wir haben aber vor, ihnen alles bis ins kleinste Detail zu erklären und ihnen zu zeigen, dass die Zeit innerhalb der Familie trotzdem schön sein kann.

An diesen Tagen haben wir uns vorgenommen zu verreisen, etwas zu Erleben, gemeinsam Zeit zu verbringen und zukünftig auch so oft es nötig wird darüber zu sprechen. Weshalb dieser Bestandteil des christlichen Glaubens gefeiert wird und warum wir es eben nicht tun, werden sie verstehen, da bin ich ganz sicher.

Da wir unsere Feiertage ebenso schmücken und zelebrieren, werden wir das kompensieren, sodass es ihnen an nichts fehlt, sie nicht traurig sein müssen und sie mit ihrem eigenen Glauben trotzdem glücklich werden.

Falls das alles nicht fruchtet, werden sie einfach mit mir Gläser spülen, denn die Arbeit im Haushalt macht vergesslich.